Das Leben und Wirken von Claude und Paul Jordery
Von Helmut Nauendorf

Wer waren die Jorderys? Vater und Sohn bekleideten beide das Amt des Bürgermeisters
von Oullins. Paul Jordery, dessen Vater Claude kurz vor Kriegsende in einem deutschen Konzentrationslager ums Leben kam, war 17 Jahre später der Mitbegründer der Städtepartnerschaft zwischen Oullins und Nürtingen. Im Folgenden ein kurzer biographischer Abriss über diese beiden Männer.

Claude Jordery wird am 3. März 1876 in Le Creusot (Departement Saône-et-Loire) geboren. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Nach der Schulzeit arbeitet er in den Stahlwerken des Industriemagnaten Schneider als Monteur. Er wird 1900 entlassen, weil er zusammen mit 100 anderen Arbeitern gestreikt hatte. Er verlässt daraufhin das Departement Saône-et-Loire, um woanders eine neue Arbeit zu suchen.

Diese findet er in Oullins bei Lyon, in den Reparaturwerkhallen der ParisLyonMarseille-Eisenbahn. 1910 wird er wieder entlassen, weil er sich erneut an einem Streik beteiligt hatte. Er findet dann in Lyon als Vorarbeiter eine neue Anstellung. Er wird hier Mitglied der sozialistischen Partei, der SFIO. 1912 wird er in den Stadtrat von Oullins gewählt. Er erreicht 1919 die Position des Bürgermeisters dieser Stadt und bleibt Maire bis 1940. Er gibt seinen Beruf als Monteur auf, um sich ganz dieser Aufgabe widmen zu können.

Claude Jordery verlässt 1920 die SFIO und tritt in die neu gegründete Kommunistische Partei Frankreichs ein, kehrt 1924 aber wieder in die SFIO zurück. 1936 wird er zum Abgeordneten des Parlaments in Paris gewählt und übt dieses Amt mit einer kurzen Unterbrechung bis 1940 aus. Am 10. Juli 1940 stimmt er mit 79 weiteren Abgeordneten und Senatoren gegen die Regierung Philippe Pétain. Diese 80 haben auch heute noch einen bedeutenden Platz in der Geschichte der Résistance. Sie werden in der französischen Geschichte immer Die 80 von Vichy genannt. Claude Jordery ist damit eine Person der französischen Geschichte.

Jordery hatte zuvor öffentlich den Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes verurteilt. Dieser Vorgang und die zunehmende Zusammenarbeit der Regierung Pétain mit den Nationalsozialisten lässt den Widerstand in Frankreich gegen diese Regierung anwachsen. Claude Jordery wird von den französischen Nazikollaborateuren des Vichy-Regimes seiner Ämter enthoben und engagiert sich im Widerstand.
Er wird Mitglied der regionalen Führung der Front National, der kommunistisch geführten und von vielen Sozialisten unterstützten Résistance-Bewegung.

Im April 1944 wird Claude Jordery von der Gestapo verhaftet. Man deportiert ihn in das KZ Bergen-Belsen, wo er am 9. Februar 1945 an Typhus stirbt. Die Stadt Oullins hat ihm an der Hauptgeschäftsstraße der Stadt ein Denkmal errichten lassen.

Sein Sohn Paul Jordery wird am 7. Oktober 1901 in Oullins geboren, wo er bis zu seinem Tode lebt. Als Kind besucht er die Grundschule Moreaud in Oullins, dann wird er Schüler im bekannten Lyoner Gymnasium La Martiniere. Er arbeitet nach seinem Studium zuerst als Makler, dann bei der Compagnie des eaux in der Buchhaltungsabteilung, später dann im Rathaus des dritten Stadtviertels in Lyon. Er schreibt auch in der Zeitung Le nouvelliste unter dem Namen Je pioche unter anderem satirisch über die politischen Entwicklungen.

Als Kind schon begleitet er seinen Vater Claude Jordery überall hin und erlebt unter anderem seine Aktivitäten beim Unternehmen Schneider mit, wo der Vater die Mitarbeiter zum Streik für eine Lohnerhöhung um fünf Groschen aufruft. Nach der Deportation seines Vaters sind mehrere Bürgermeister in Oullins jeweils nur kurz im Amt. Am 19. Oktober 1947 wird Paul Jordery als Bürgermeister von Oullins gewählt. Er bleibt 30 Jahre im Amt, wo er sich bis März 1977 dem Leben seiner Stadt und dem Wohlbefinden vor allem der älteren Leute widmet.

Ein besonderes Anliegen ist ihm die Aussöhnung mit Deutschland, und deshalb suchte er schon früh nach einer deutschen Partnerstadt. Von seiner Adoptivtochter Susanne Jordery ist sein Credo überliefert: Deutschland und Frankreich können nichts anderes als Verständigung suchen, denn das eine ist das Herz und das andere das Blut. Für seine Verdienste um diese Städtepartnerschaft wird er am 8. Juli 1967 zu seinem 65. Geburtstag zum Ehrenbürger der Stadt Nürtingen ernannt. Der Gemeinderat hatte dies zuvor einstimmig beschlossen. Karl Gonser wird später Ehrenbürger der Stadt Oullins.

Nach mehreren Jahren Dienstzeit als Maire von Oullins wird Paul Jordery auch die Kandidatur für die Nationalversammlung in Paris angetragen. Dies lehnt er ab, da er sein Familienleben nicht opfern will. Unter allen Bürgermeistern der umliegenden Gemeinden von Lyon gibt er als letzter seine Stimme für die Eingliederung von Oullins in Grand Lyon ab. In zweiter Ehe heiratet Paul Jordery am 22. Juli 1963 Frau Boiret und adoptiert ihre Tochter Susanne im Alter von 37 Jahren. Paul Jordery besitzt ein Wohnhaus in der Avenue du Bois, zieht dann mit seiner Familie in die Rue de la Republique und schließlich ins Stadtviertel Montmein (das Roßdorf von Oullins) um, als diese Siedlung gebaut worden war. Er stirbt am 14. September 1983, hoch geachtet in seiner Heimatstadt Oullins und in seiner Partnerstadt Nürtingen.